EinAdlererwacht_img1.gif Ein Adler erwacht
graphic
„Das ist kein Huhn, das ist ein Adler", sagte der Gast zu  dem  Bauern.
Irgendwie spürte der große Vogel, dass der Fremde von ihm  sprach. Wieso soll ich kein Huhn sein? Hier im Hof bei  meinen  Freunden bin ich aufgewachsen. Wie sie habe ich  zwei Beine,  zwei Flügel, einen Schnabel. Also, was soll der  Quatsch? Was  überhaupt ist ein ADLER ?“
Er pickte ein paar Maiskörner. Dabei musste er den  Schnabel parallel zum Boden halten und seitwärts die Körner   aufnehmen. Irgendwie war ihm der krumme Schnabel  hinderlich.
Der Bauer war mit dem Gast weitergegangen, der Vogel sah  und  hörte sie nicht mehr.
Wie wenn der Wind ihm ein Blättchen ans Gefieder geweht  hatte, war ein Gedanke in seinem Kopf gelandet. Aber  anders als das Blatt ließ sich der Gedanke nicht mehr  abschütteln. 
,,ADLER - was ist das? - Wieso kein Huhn?"
In den folgenden Tagen und Wochen pieksten diese Fragen  immer wieder in seinem Kopf. Dabei pickten sie neue  Gedankenfetzen los, Erinnerungsstücke, Fragen.
Etwas war immer anders an ihm gewesen. So konnten die  anderen geflügelten Zweibeiner viel besser und schneller die  Körner aufpicken und fressen.
Er erkannte, dass er eigentlich immer eine Art Hunger  verspürt hatte. Nicht dass er Hunger leiden musste - aber so  richtig satt machte ihn das umständliche Körnerknabbern  nicht. Irgendwas war nicht da, fehlte, stimmte nicht.
Die weißen Zweibeiner mit den gelben Schnäbeln zum  Beispiel  konnten phantastisch schwimmen. Sie hatten aber  auch seltsame Füße, fast wie Blätter. Er selbst dagegen  konnte mit Schnabel und Krallen große Äste  packen und  über den Hof ziehen, seine mächtigen Flügel halfen ihm  dabei.
Jaa - stark war er, stärker als alle im Hof. Wenn ein Sturm  aufkam, rannten die Freunde zu ihm und suchten unter  seinen  großen ausgebreiteten Flügeln Schutz. Dann war er  sehr stolz -   so konnte er nützlich sein. Eierlegen dagegen  konnte er nicht.
Erst jetzt wurde dem Vogel deutlich, dass er, weil er anders  war, im Hof andere Aufgaben und Funktionen unbemerkt und   selbstverständlich übernommen hatte.
Einmal hatte er einen mittelgroßen, rötlichen Vierbeiner  gesehen, der sich verdächtig machte, wie er so durch die  Felder  schlich. Er hatte einen seiner Freunde darauf  aufmerksam gemacht, doch der erkannte nichts. Auch als  dieser Freund auf  den Zaun hüpfte, konnte er den roten  Schleicher nicht  ausmachen.
,,Musst du aber scharfe Augen haben", hatte der Freund  bemerkt und sich wieder den Körnerpicken zugewandt. Als  er  abends den anderen Freunden im Hof dieses rote  Schleichtier  beschrieb, waren sich alle einig:,,Er hat einen  Fuchs gesehen.  Viel früher als uns das je gelungen ist."
So etwas geschah noch öfter. Da er nun erfahren hatte, dass   der Fuchs gefährlich - ja, tödlich war, krächzte er warnend,  sobald er den Schleicher erblickte. Der Fuchs verzog sich  dann. Ob er Angst vor dem großen Vogel hatte?
Es kam soweit, dass sein warnendes Krächzen den Fuchs  vertrieb, bevor die Freunde die Gefahr überhaupt bemerkten.  Weil sie selbst aber nichts sahen, nahmen sie seine  Alarmmeldungen bald nicht mehr ernst.
Viele dieser Eigenheiten stiegen dem Vogel ins  Bewusstsein. War es das, was der Fremde meinte, als er  sagte:"Das ist ein Adler?"
Jetzt wollte er das Geheimnis lüften.  Was ist ein Adler?
Die Freunde begannen bald zu tuscheln und ihn seltsam  anzusehen. Sie verstanden und teilten seine Unruhe nicht.  ,,Warum willst du wissen, was ein Adler ist? Hier geht es dir  gut. Besser und sicherer kann doch auch ein Adlerleben  nicht sein.“ So und ähnlich sprachen sie und schüttelten die  Köpfe.
Sie begriffen das Klopfen in seinem Kopf und das Brennen in   seinem Herzen nicht. Sie teilten nicht seine Sehnsucht,  seine  Suche nach ,,Adler" und "Adlerleben ".
Einmal, als das Brennen wieder schmerzlich aufkam,  besann  er sich auf seine Stärke und hüpfte über den Zaun  des Hofes.
Hatten die Freunde das überhaupt bemerkt? Sie pickten,  gackerten und quakten genauso wie vorher.
Der Vogel hopste weiter, in großen Sprüngen hüpfte er über  die Felder. Ein seltsamer Vierbeiner mit langen Ohren und  einem weißen Stummelschwänzchen hoppelte zutiefst  erschrocken vor ihm davon. Kleine braungraue Tierchen  flüchteten fiepend in enge Löcher im Boden.
Warum hatten sie Angst? Was war so erschreckend an ihm?
Die fremden Tiere rannten weg, noch bevor er sie fragen  konnte, was sie von Adlern wussten.
Ein ungutes Gefühl beschlich ihn - er machte anderen Angst!
Verwirrt entschloss er sich in den Hof zurückzuhüpfen. Dort  waren seine Freunde. Auch wenn sie den Kopf schüttelten -  sie hatten keine Angst vor ihm.
Das Leben im Hof gab ihm seine Ruhe wieder. Hier konnte er   sich erholen von den Abenteuern seines Ausflugs.
Was aber sollte er mit den ungelösten Fragen machen? Er  hatte nicht nur keine Antworten gefunden, neue Fragen  hatten  sich dazu gesellt.
Warum waren die Tiere auf den Feldern geflohen? Wodurch  hatte er sie geängstigt?
Als die Fragen wieder zu stark hämmerten und im Herzen  pulsten, sprang er ein zweites Mal über den Zaun. Diesmal  hüpfte er zum Wald.
Zwischen den Bäumen wurde ihm mulmig. Ihm fehlte der  gewohnte freie Himmel. Er sah einen riesengroßen  Vierbeiner, der aussah wie ein Baum. Diesem Tier wuchsen  trockene Äste aus dem Kopf. Es sprach ihn an: "Was willst  du denn hier im  Wald? Hier gehörst du doch gar nicht hin?"
Der Vogel stutzte. „Was weißt du von mir, weißt du wer oder   was ich bin?"
,,Klar, du bist ein Adler. Du gehörst in die Luft. Bist du  krank,  dass du hier hopst und watschelst?"
„Was sollte ich Deiner Meinung nach tun?" 
,,FLIEGEN! Ein Adler der nicht fliegt, ist ein armer,  lächerlicher Vogel. Du gehörst an den Himmel in die Luft.  Hier unten im Wald ist kein Platz für einen Vogel deiner  Größe, hier ist mein Revier."
Unsicher verließ der Adler den Wald. Als er den freien  Himmel wieder über sich hatte, blickte er befreit und  neugierig nach oben.
Gab es da noch andere Adler am Himmel?
Endlich entdeckte er einen seiner Art. Mit weit  ausgespannten Flügeln schwebte der Vogel zwischen den  Wolken. Ab und an schlug er mit den Flügeln die Luft.
Der Adler versuchte es, er schlug mit den Flügeln und  hopste. Die Hopser wurden größer, die Flügel gaben dem  Sprung mehr Kraft. Immer wieder probte er den Absprung. 20   mal, 25 mal  und mehr.
Endlich - jubelnd blieb er oben. Schneller, schneller schlugen   die Flügel, der Wind fegte durch sein Gefieder, blieb in den  starken offenen Flügeln hängen und trug ihn in die Höhe. 
Er hatte eine neue, seine Lebensform entdeckt -
                                   er flog!
Unter sich sah er den Wald, die Felder, den Hof mit den  Freunden.
Trauer mischte sich in die freudige Seligkeit. Er musste den  Hof, die Freunde verlassen, um das Adlerleben zu suchen.
Er hatte doch dort unten Aufgaben übernommen.  
Durfte er denn seine Freunde verlassen???
Was aber war die Alternative?
Sein Leben zu verwirken! Sein Leben  nicht als Adler gelebt  zu  haben !!!
Tief in seinem Inneren mischten sich Furcht, Trauer,  Sehnsucht und Jubel zu einem weit hörbaren Schrei:        
                  Ich bin ein  Adler!!!
               Jetzt  muss ich als Adler leben.