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„Das ist kein Huhn, das ist ein Adler", sagte der Gast zu
dem Bauern.
Irgendwie spürte der große Vogel, dass der Fremde von ihm
sprach. Wieso soll ich kein Huhn sein? Hier im Hof bei
meinen Freunden bin ich aufgewachsen. Wie sie habe ich
zwei Beine, zwei Flügel, einen Schnabel. Also, was soll der
Quatsch? Was überhaupt ist ein ADLER ?“
Er pickte ein paar Maiskörner. Dabei musste er den
Schnabel parallel zum Boden halten und seitwärts die Körner
aufnehmen. Irgendwie war ihm der krumme Schnabel
hinderlich.
Der Bauer war mit dem Gast weitergegangen, der Vogel sah
und hörte sie nicht mehr.
Wie wenn der Wind ihm ein Blättchen ans Gefieder geweht
hatte, war ein Gedanke in seinem Kopf gelandet. Aber
anders als das Blatt ließ sich der Gedanke nicht mehr
abschütteln.
,,ADLER - was ist das? - Wieso kein Huhn?"
In den folgenden Tagen und Wochen pieksten diese Fragen
immer wieder in seinem Kopf. Dabei pickten sie neue
Gedankenfetzen los, Erinnerungsstücke, Fragen.
Etwas war immer anders an ihm gewesen. So konnten die
anderen geflügelten Zweibeiner viel besser und schneller die
Körner aufpicken und fressen.
Er erkannte, dass er eigentlich immer eine Art Hunger
verspürt hatte. Nicht dass er Hunger leiden musste - aber so
richtig satt machte ihn das umständliche Körnerknabbern
nicht. Irgendwas war nicht da, fehlte, stimmte nicht.
Die weißen Zweibeiner mit den gelben Schnäbeln zum
Beispiel konnten phantastisch schwimmen. Sie hatten aber
auch seltsame Füße, fast wie Blätter. Er selbst dagegen
konnte mit Schnabel und Krallen große Äste
packen und
über den Hof ziehen, seine mächtigen Flügel halfen ihm
dabei.
Jaa - stark war er, stärker als alle im Hof. Wenn ein Sturm
aufkam, rannten die Freunde zu ihm und suchten unter
seinen großen ausgebreiteten Flügeln Schutz. Dann war er
sehr stolz - so konnte er nützlich sein. Eierlegen dagegen
konnte er nicht.
Erst jetzt wurde dem Vogel deutlich, dass er, weil er anders
war, im Hof andere Aufgaben und Funktionen unbemerkt und
selbstverständlich übernommen hatte.
Einmal hatte er einen mittelgroßen, rötlichen Vierbeiner
gesehen, der sich verdächtig machte, wie er so durch die
Felder schlich. Er hatte einen seiner Freunde darauf
aufmerksam gemacht, doch der erkannte nichts. Auch als
dieser Freund auf den Zaun hüpfte, konnte er den roten
Schleicher nicht ausmachen.
,,Musst du aber scharfe Augen haben", hatte der Freund
bemerkt und sich wieder den Körnerpicken zugewandt. Als
er abends den anderen Freunden im Hof dieses rote
Schleichtier beschrieb, waren sich alle einig:,,Er hat einen
Fuchs gesehen. Viel früher als uns das je gelungen ist."
So etwas geschah noch öfter. Da er nun erfahren hatte, dass
der Fuchs gefährlich - ja, tödlich war, krächzte er warnend,
sobald er den Schleicher erblickte. Der Fuchs verzog sich
dann. Ob er Angst vor dem großen Vogel hatte?
Es kam soweit, dass sein warnendes Krächzen den Fuchs
vertrieb, bevor die Freunde die Gefahr überhaupt bemerkten.
Weil sie selbst aber nichts sahen, nahmen sie seine
Alarmmeldungen bald nicht mehr ernst.
Viele dieser Eigenheiten stiegen dem Vogel ins
Bewusstsein. War es das, was der Fremde meinte, als er
sagte:"Das ist ein Adler?"
Jetzt wollte er das Geheimnis lüften.
Was ist ein Adler?
Die Freunde begannen bald zu tuscheln und ihn seltsam
anzusehen. Sie verstanden und teilten seine Unruhe nicht.
,,Warum willst du wissen, was ein Adler ist? Hier geht es dir
gut. Besser und sicherer kann doch auch ein Adlerleben
nicht sein.“ So und ähnlich sprachen sie und schüttelten die
Köpfe.
Sie begriffen das Klopfen in seinem Kopf und das Brennen in
seinem Herzen nicht. Sie teilten nicht seine Sehnsucht,
seine Suche nach ,,Adler" und "Adlerleben
".
Einmal, als das Brennen wieder schmerzlich aufkam,
besann er sich auf seine Stärke und hüpfte über den Zaun
des Hofes.
Hatten die Freunde das überhaupt bemerkt? Sie pickten,
gackerten und quakten genauso wie vorher.
Der Vogel hopste weiter, in großen Sprüngen hüpfte er über
die Felder. Ein seltsamer Vierbeiner mit langen Ohren und
einem weißen Stummelschwänzchen hoppelte zutiefst
erschrocken vor ihm davon. Kleine braungraue Tierchen
flüchteten fiepend in enge Löcher im Boden.
Warum hatten sie Angst? Was war so erschreckend an ihm?
Die fremden Tiere rannten weg, noch bevor er sie fragen
konnte, was sie von Adlern wussten.
Ein ungutes Gefühl beschlich ihn - er machte anderen Angst!
Verwirrt entschloss er sich in den Hof zurückzuhüpfen. Dort
waren seine Freunde. Auch wenn sie den Kopf schüttelten -
sie hatten keine Angst vor ihm.
Das Leben im Hof gab ihm seine Ruhe wieder. Hier konnte er
sich erholen von den Abenteuern seines Ausflugs.
Was aber sollte er mit den ungelösten Fragen machen? Er
hatte nicht nur keine Antworten gefunden, neue Fragen
hatten sich dazu gesellt.
Warum waren die Tiere auf den Feldern geflohen? Wodurch
hatte er sie geängstigt?
Als die Fragen wieder zu stark hämmerten und im Herzen
pulsten, sprang er ein zweites Mal über den Zaun. Diesmal
hüpfte er zum Wald.
Zwischen den Bäumen wurde ihm mulmig. Ihm fehlte der
gewohnte freie Himmel. Er sah einen riesengroßen
Vierbeiner, der aussah wie ein Baum. Diesem Tier wuchsen
trockene Äste aus dem Kopf. Es sprach ihn an: "Was willst
du denn hier im Wald? Hier gehörst du doch gar nicht hin?"
Der Vogel stutzte. „Was weißt du von mir, weißt du wer oder
was ich bin?"
,,Klar, du bist ein Adler. Du gehörst in die Luft. Bist du
krank, dass du hier hopst und watschelst?"
„Was sollte ich Deiner Meinung nach tun?"
,,FLIEGEN! Ein Adler der nicht fliegt, ist ein armer,
lächerlicher Vogel. Du gehörst an den Himmel in die Luft.
Hier unten im Wald ist kein Platz für einen Vogel deiner
Größe, hier ist mein Revier."
Unsicher verließ der Adler den Wald. Als er den freien
Himmel wieder über sich hatte, blickte er befreit und
neugierig nach oben.
Gab es da noch andere Adler am Himmel?
Endlich entdeckte er einen seiner Art. Mit weit
ausgespannten Flügeln schwebte der Vogel zwischen den
Wolken. Ab und an schlug er mit den Flügeln die Luft.
Der Adler versuchte es, er schlug mit den Flügeln und
hopste. Die Hopser wurden größer, die Flügel gaben dem
Sprung mehr Kraft. Immer wieder probte er den Absprung. 20
mal, 25 mal und mehr.
Endlich - jubelnd blieb er oben. Schneller, schneller schlugen
die Flügel, der Wind fegte durch sein Gefieder, blieb in den
starken offenen Flügeln hängen und trug ihn in die Höhe.
Er hatte eine neue, seine Lebensform entdeckt -
er flog!
Unter sich sah er den Wald, die Felder, den Hof mit den
Freunden.
Trauer mischte sich in die freudige Seligkeit. Er musste den
Hof, die Freunde verlassen, um das Adlerleben zu suchen.
Er hatte doch dort unten Aufgaben übernommen.
Durfte er denn seine Freunde verlassen???
Was aber war die Alternative?
Sein Leben zu verwirken! Sein Leben
nicht als Adler gelebt
zu haben !!!
Tief in seinem Inneren mischten sich Furcht, Trauer,
Sehnsucht und Jubel zu einem weit hörbaren Schrei:
Ich bin ein
Adler!!!
Jetzt muss ich als Adler leben.
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