GegendenVerfalldesSozialen_img1.gif Gegen den Verfall des Sozialen
Gegen den Verfall des Sozialen
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Ethik in Zeiten der Globalisierung
Autor:   Roland Minnerath,  Erzbischof von Dijon
Verlag:   Herder, Freiburg, Erscheinungsdatum:   2007, ISBN-Nr.   978-3- 451-28662-9
Preis 16,90 €
Der Erzbischof von Dijon schrieb ein gutes Buch zur Sozialethik. Gut ist es, weil  anstößig. 
Erzbischof Minnerath bedient sich einer hinreichend allgemein gehaltenen Begrifflichkeit,  um in die unterschiedlichen kulturellen Zusammenhänge übertragbar zu sein. Um das  „soziale Denken im Katholizismus“ offen in einen konstruktiven Dialog mit Menschen  anderer Kulturen und Religionen einzubringen, verzichtet der Autor bewußt auf Bibelzitate   oder Fußnotenverweise zu lehramtlichen Erklärungen.
Seine Argumentation ist über weite Strecken und in vielen Themen fundiert und  folgerichtig. Die aus den Schlüssen erwachsenden ethischen Anforderungen sind  einsichtig und nachvollziehbar dargestellt.
Umso erstaunlicher und für mich als Christ umso ärgerlicher sein Eiertanz, wo es um die  sittlich akzeptable Organisationen des Wirtschaftens geht.
Beschreibt er noch klar und präzise die Prämissen christlicher Ethik zu Arbeit und  Eigentum
  • Vorrang der Arbeit als gestaltendes menschliches Tun vor den instrumentellen  Unterstützungsleistungen dieses Tuns wie Produktionsmittel, Geld, Technik. 
  • Bejahung des Eigentumsrechtes an den Produktionsmitteln für den arbeitenden  Menschen 
  • Nutzungsrecht aller Menschen an den Gaben der Schöpfung und der Fülle  geleisteter Produktionen an Waren und Diensten 
  • gerechter Tausch im wirtschaftlichen Handel 
so enthält sie sich der Autor der folgerichtigen Schlüsse:
  • Begrenzung des Eigentumsrechtes an Produktionsmitteln auf das zur eigenen  Arbeitsleistung notwendige Maß, damit keinem Mitmenschen sein  Eigentumsrecht beschnitten wird 
  • kein Eigentumsrecht zur profitablen Bewirtschaftung besitzloser Mitmenschen 
  • volle Zurechnung des Werkgutes und des Mehrwertes den das Werkgut  erarbeitenden Menschen 
  • kein Einkommen allein aus Besitz oder Bereitstellung instrumentaler Leistungen,   sondern allein aus geleisteter Arbeit. 
Zu den Themenfeldern Familie, Zivilgesellschaft oder Friedenspolitik argumentiert  Minnerath schlüssig und verständig, so dass auch Nicht-Glaubende vernunftorientiert am  Dialog teilhaben können. Warum der Autor ausgerechnet im Kapitel "Wirtschaftsleben"  die sonst stringente Argumentation verlässt, wird dem Leser nicht erkennbar. 
Gerade die Trennung von Arbeit und dem Eigentum an Arbeitsmitteln verdammt die  Mehrheit der Menschen dazu, sich zur Existenzsicherung bei Arbeitsmittelbesitzern zu  verdingen und sich ihrer Macht auszuliefern. Die Ideologie des Profitvorbehaltes für das  Kapital und das ihr folgende Eigentumsrecht begründen Proletarisierung, Lohnsklaverei  oder in neuer Sprachschöpfung: das Prekariat.
Eine als „Sozialpolitik“ getarnte Bewirtschaftung besitzloser Menschen soll mittels  Arbeits- und Tarifrecht die Auswüchse dieser Grundsituation entschärfen. Treu der  kirchenamtlichen Doktrin verbleibt Erzbischof Minnerath in der Mißständekritik bei  gleichzeitigem Tabu der Ursachen.
Wollte er auch hier "das soziale Denken im Katholizismus" darstellen, hätte er den  innerkirchlichen Konflikt um die Bewertung des Kapitalismus beschreiben müssen.
Dabei aber wäre er um eine Kritik der lehramtlichen Kapitalismusdoktrin nicht herum  gekommen. Deren "Ja" zum Profitvorbehalt des Kapitals ist nicht mit den im Buch  aufgezeigten ethischen Prämissen in Einklang zu bringen. 
Verständlich wird die Zurückhaltung des Erzbischofs vor dem Schicksal jener  Professoren und Amtsbrüder, die diese Zurückhaltung nicht übten. Sie orientierten sich  an den Lehrendes heiligen Thomas von Aquin zu Arbeitswert und Tauschgerechtigkeit.  Lehrverbote und Amtsenthebung waren ihr Preis.
Weicht Erzbischof Minnerath diesem Konflikt auch aus, so gibt er doch Anstöße zur  Diskussion und lädt zum Dialog ein.
Nehmen wir also die Einladung an und den Not wendenden Dialog auf.