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Alt ist er geworden, Hyperion, der "Eremit in Griechenland". Nun reflektiert er sein
Leben in Briefen an seinen deutschen Freund Bellarmin.
1797, mit 26 Jahren schafft der Theologe, Philosoph und Dichter Friedrich
Hölderlins einen Roman voll poetischer Sprachgewalt, reichen Analogien und
seherischen Bilderwelten, die dieBegrifflichkeiten der aufklärerischen Philosophie
seiner Zeit sprengen und überschreiten. Schon seine Zeitgenossen taten sich mit
Hölderlins Briefroman "Hyperion" schwer.
Wieviel schwerer fällt es uns heute, dieses Werk Hölderlins zu begreifen? Sprachstil,
Bilderwelten und zeitgenössischer Horizont des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind
uns heute nicht mehr so einfach zugänglich. Wenige Hölderlin-Forscher mühen sich
mit dem Werk ab. Philologen konzentrieren sich vornehmlich auf die spätere Lyrik
des Tübinger Romantikers.
Hölderlin? War das nicht dieser geistig erkrankte Romantiker, der so lange in einem
Turm in Tübingen lebte, dass man diesen seither nach ihm benannte.
Hätte ich als Jugendlicher den Weg eines deutschen Gymnasiasten mit klassischer
Bildung und Abitur eingeschlagen, wären mir vielleicht ein paar Assoziationen mehr
eingefangen. So dümpelte Hölderlin in meinem Erfahrungsschatz irgendwo zwischen
Holland, Holstein und Holunder - bis Johannes Heinrichs einen Zugang in die Denk-
und Bilderwelt dieses Mannes schuf, den ich nun mehr als einen der Großen der
deutschen Klassiker erfahren darf.
Den Hyperion aus Studierstuben und staubigen Bucharchiven nun in den
gesellschaftlichen Dialog einzubringen, bedarf es jener Fähigkeiten, die auch
Restauratoren alter Künste auszeichnen. Der Philosoph Prof. Johannes Heinrichs
erbringt diese Qualitäten, da er zugleich Sprachwissenschaftler und Literat ist.
Vermittelt Heinrichs in seinen Büchern oft den Eindruck, der Leser solle sich zuvor
durch ein eigenes Philosophiestudium rüsten, so schreibt der Autor jetzt
ausgesprochen gastfreundlich. Heinrichs nimmt auch den nicht wissenschaftlichen
Leser bei der Hand und bereitet ihn in der 66-seitigen Einführung zielgerichtet und
verständlich auf das eigentliche Werk vor.
Das eigentliche Werke im Doppelsinn:
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Hölderlins Briefroman "Hyperion", bestehend aus 64 Briefen, aufgeteilt in
vier Büchern, erschienen im zweiten Teilbänden ( Bd 1 Ostern 1797, Bd 2
Herbst 1799)
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Heinrichs den Text begleitender Kommentar als Brückenschlag in unsere
Zeit.
In zwei einführenden Kapiteln skizziert Heinrichs seine viergliedrige Reflektionslogik
und deren Anwendung auf Sprach - und Handlungstheorie.
Zudem beleuchtet der Autor den "Hyperion" in seiner literarischen,
zeitgeschichtlichen und philosophischen Bedeutung als ein Gesamtkunstwerk, das
den Werken seiner zeitgenössischen Freunde Hegel, Schelling, Fichte wie auch
Goethe und Schiller in nichts nachsteht, ja sie literarisch und philosophisch gar
übertrifft.
Der dem dialogischen Kommentar nachgestellte Rückblick im dritten Teil des
Buches verdichtet diese Einschätzung aus der Einführung. Die Strukturanalyse des
hölderlinschen Romans fordert dem Leser einiges ab, bietet zugleich aber auch die
reflektierende Gesamtschau des zuvor in Einzelschritten kommentierten Werkes.
Im Dreischritt von philosophisch-sprachwissenschaftlicher Einführung, dialogischem
Kommentar und strukturanalytischem Rückblick gelingt es Heinrichs, uns heutigen
Lesern für die jetzt notwendigen gesellschaftlichen Aufbrüche den
Hölderlin/Hyperion als inspirierenden Mentor zur Seite zu stellen. Die anhaltende
Dynamik des über 200 Jahre alten Romans ist heute höchst aktuell, denn der
"Schnee von gestern ist die Überschwemmung von heute und morgen" (Heinrichs).
Im Urteil Heinrichs ist Hölderlin mit seiner geforderten "Revolution der Gesinnungen
und Vorstellungarten" gedanklich ein Zeitgenosse auch uns Heutigen, die wir nicht
allein eine neue Demokratie-Architektur erbauen wollen, sondern sie in einer
Revolution aus Geist und Liebe anstreben.
Wieder ist es ein dickes Buch, 600 Seiten geistige Vollwertkost legt Johannes
Heinrichs diesmal vor. Für Bücherfresser etwa eine Wochenlektüre. Dieses Buch
aber lohnt mehr Zeit.
Für den ersten Lesegang nahm ich mir fünf Wochen Zeit und separierte dieses Buch
in meine Sonderedition, aus der ich mir immer wieder eine Tagesdosis Anregungen
nehme.
Die beste Empfehlung für dieses Buch schreibt Hölderlin selbst als Einleitung zu
seinem Roman:
Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber ich fürchte,
die einen werden es lesen, wie ein Compendium, und um das fabula docet sich
zu sehr bekümmern, indeß die anderen gar zu leicht es nehmen, und beede
Theile verstehen es nicht.
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