RevolutionausGeistundLiebe_img1.gif Revolution aus Geist und Liebe
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Johannes Heinrichs
Revolutionen aus Geist und Liebe
Hölderlins "Hyperion" durchgehend kommentiert
STENO-Verlag  2007
ISBN-Nr. 978-954-449-316-5
Preis: 22 €
Alt ist er geworden, Hyperion, der "Eremit in Griechenland". Nun reflektiert er sein  Leben in Briefen an seinen deutschen Freund Bellarmin.
1797, mit 26 Jahren schafft der Theologe, Philosoph und Dichter Friedrich  Hölderlins einen Roman voll poetischer Sprachgewalt, reichen Analogien und  seherischen Bilderwelten, die dieBegrifflichkeiten der aufklärerischen Philosophie  seiner Zeit sprengen und überschreiten. Schon seine Zeitgenossen taten sich mit  Hölderlins Briefroman "Hyperion" schwer. 
Wieviel schwerer fällt es uns heute, dieses Werk Hölderlins zu begreifen? Sprachstil,  Bilderwelten und zeitgenössischer Horizont des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind  uns heute nicht mehr so einfach zugänglich. Wenige Hölderlin-Forscher mühen sich  mit dem Werk ab. Philologen konzentrieren sich vornehmlich auf die spätere Lyrik  des Tübinger Romantikers. 
Hölderlin? War das nicht dieser geistig erkrankte Romantiker, der so lange in einem  Turm in Tübingen lebte, dass man diesen seither nach ihm benannte.
Hätte ich als Jugendlicher den Weg eines deutschen Gymnasiasten mit klassischer  Bildung und Abitur eingeschlagen, wären mir vielleicht ein paar Assoziationen mehr  eingefangen. So dümpelte Hölderlin in meinem Erfahrungsschatz irgendwo zwischen  Holland, Holstein und Holunder - bis Johannes Heinrichs einen Zugang in die Denk-  und Bilderwelt dieses Mannes schuf, den ich nun mehr als einen der Großen der  deutschen Klassiker erfahren darf.
Den Hyperion aus Studierstuben und staubigen Bucharchiven nun in den  gesellschaftlichen Dialog einzubringen, bedarf es jener Fähigkeiten, die auch  Restauratoren alter Künste auszeichnen. Der Philosoph Prof. Johannes Heinrichs  erbringt diese Qualitäten, da er zugleich Sprachwissenschaftler und Literat ist.
Vermittelt Heinrichs in seinen Büchern oft den Eindruck, der Leser solle sich zuvor  durch ein eigenes Philosophiestudium rüsten, so schreibt der Autor jetzt  ausgesprochen gastfreundlich. Heinrichs nimmt auch den nicht wissenschaftlichen  Leser bei der Hand und bereitet ihn in der 66-seitigen Einführung zielgerichtet und  verständlich auf das eigentliche Werk vor.
Das eigentliche Werke im Doppelsinn:
  • Hölderlins Briefroman "Hyperion", bestehend aus 64 Briefen, aufgeteilt in  vier Büchern, erschienen im zweiten Teilbänden ( Bd 1 Ostern 1797, Bd 2  Herbst 1799) 
  • Heinrichs den Text begleitender Kommentar als Brückenschlag in unsere  Zeit. 
In zwei einführenden Kapiteln skizziert Heinrichs seine viergliedrige Reflektionslogik  und deren Anwendung auf Sprach - und Handlungstheorie.
Zudem beleuchtet der Autor den "Hyperion" in seiner literarischen,  zeitgeschichtlichen und philosophischen Bedeutung als ein Gesamtkunstwerk, das  den Werken seiner zeitgenössischen Freunde Hegel, Schelling, Fichte wie auch  Goethe und Schiller in nichts nachsteht, ja sie literarisch und philosophisch gar  übertrifft.
Der dem dialogischen Kommentar nachgestellte Rückblick im dritten Teil des  Buches verdichtet diese Einschätzung aus der Einführung. Die Strukturanalyse des  hölderlinschen Romans fordert dem Leser einiges ab, bietet zugleich aber auch die  reflektierende Gesamtschau des zuvor in Einzelschritten kommentierten Werkes.
Im Dreischritt von philosophisch-sprachwissenschaftlicher Einführung, dialogischem  Kommentar und strukturanalytischem Rückblick gelingt es Heinrichs, uns heutigen  Lesern für die jetzt notwendigen gesellschaftlichen Aufbrüche den  Hölderlin/Hyperion als inspirierenden Mentor zur Seite zu stellen. Die anhaltende  Dynamik des über 200 Jahre alten Romans ist heute höchst aktuell, denn der  "Schnee von gestern ist die Überschwemmung von heute und morgen" (Heinrichs).
Im Urteil Heinrichs ist Hölderlin mit seiner geforderten "Revolution der Gesinnungen  und Vorstellungarten" gedanklich ein Zeitgenosse auch uns Heutigen, die wir nicht  allein eine neue Demokratie-Architektur erbauen wollen, sondern sie in einer  Revolution aus Geist und Liebe anstreben.
Wieder ist es ein dickes Buch, 600 Seiten geistige Vollwertkost legt Johannes  Heinrichs diesmal vor. Für Bücherfresser etwa eine Wochenlektüre. Dieses Buch  aber lohnt mehr Zeit.
Für den ersten Lesegang nahm ich mir fünf Wochen Zeit und separierte dieses Buch  in meine Sonderedition, aus der ich mir immer wieder eine Tagesdosis Anregungen  nehme.
Die beste Empfehlung für dieses Buch schreibt Hölderlin selbst als Einleitung zu  seinem Roman:
Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber ich fürchte,  die einen werden es lesen, wie ein Compendium, und um das fabula docet sich  zu sehr bekümmern, indeß die anderen gar zu leicht es nehmen, und beede  Theile verstehen es nicht.